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Das Lied des Loslassen - Ausschnitt aus dem Buch - Das gewisse Etwas bist du... M. K. Eyelneiri





Im Juni 2019 habe ich nach dem Frühstück darüber nachgedacht, dass ich eine neue Episode für meinen Podcast (Neiris Perlentaucher-Podcast) übers Loslassen aufnehmen könnte. Ich dachte darüber nach, welche Geschichte ich übers Loslassen erzählen würde. Dann ließ ich das Thema los. Ich hatte noch einiges zu tun. Am Nachmittag habe ich etwas in meinen alten Heften gesucht. Ich wurde auf einen Titel aufmerksam, den ich auf einer Seite eingekreist hatte, da stand „Der Singvogel“. Das ist eine kleine Geschichte. Ich fing an, diese Geschichte zu lesen. Das war jedoch sehr schwierig. Ich schätze, sie war mindestens 15 Jahre alt. Früher habe ich mit Füller in Heften geschrieben. Mein alte Schrift war schon so blass, dass ich das Heft richtig beleuchten musste, damit ich es überhaupt lesen konnte. Auf der Seite, neben dem Titel „Der Singvogel“, habe ich bemerkt, dass in kleiner Schrift „Loslassen“ geschrieben war. Das ist schon lustig, oder? Ich habe etwas anderes gesucht und dann fand mich diese Geschichte übers Loslassen. Also meine liebe Leserin, mein lieber Leser, wenn gerade diese Geschichte sich so selbstständig gemacht hat und aus meinen vielen Heften herausgeflattert ist, dann wird es Zeit, dass ich dir diese Geschichte hier auch erzähle:


Das Lied des Loslassens


Es war einmal ein alter Mann, der Vogelgesänge über alles liebte. Eines Tages, als er im naheliegenden Wald spazieren ging, wurde er auf einen Singvogel aufmerksam. Der Gesang zog ihn wie gebannt immer näher und näher an diesen außergewöhnlichen Vogel heran. Als hätte ein zarter Zauber ihn durchfahren. Dann entdeckte er den kleinen Singvogel. Der kleine Vogel saß in der Mitte eines von Blütenpracht beschwerten Astes und fing wieder an zu singen. Seine Federn funkelten wie ein von Mondschein beleuchteter See, in allen Regenbogenfarben. Als die Melodie des kleinen Singvogels erklang, wurde der Wald in seiner Umgebung vollkommen lebendig. Jeder Ast, jedes einzelne Blatt auf den Bäumen bewegte sich, klingend, am Boden raschelnd, wirbelnd und tanzend zum Gesang des kleinen Vogels. Der alte Mann stand ganz berauscht in der Mitte dieses kleinen Zaubers. Seine Haut prickelte angenehm, sein Herz pochte vor Freude und füllte sich mit einem fast vergessenen Glücksgefühl, das er schon lange nicht gespürt hatte. Als der kleine Vogel sich sogar auf seine Schultern setzte, fühlte er sich wie im Paradies. Der kleine Vogel wich nicht von seiner Seite. So gingen sie gemeinsam zu dem alten Mann nach Hause. In seinem Haus sperrte er den kleinen Vogel in einen wunderschönen Käfig ein, gab ihm gutes Futter und Getränke. Und der kleine Vogel schien überglücklich zu sein. Er strahlte und sang weiterhin für ihn. Der alter Mann war unendlich stolz auf seinen wunderschönen Singvogel. Er gab große Feste, nur dafür, dass die Menschen seinen wunderschönen Singvogel bewundern können. „Schaut her, wie wunderschön er ist und wie traumhaft er singen kann.“ So präsentierte er immer wieder seinen wunderschönen Singvogel. Die Menschen waren genauso fasziniert und verzaubert wie der alte Mann selbst. Sie hörten dem wunderschönen Singvogel gebannt zu.


Der alte Mann wurde aber mit der Zeit immer hochnäsiger und selbstbezogener. Nach kurzer Zeit erlaubte er niemandem mehr, dem kleinen Singvogel zuzuhören. „Er soll nur für mich singen. Er ist mein Schatz. Mein wunderschöner Singvogel singt nur für mich!“, sagte er stolz. Seine Freude war jedoch nicht von langer Dauer. Denn eines Tages hörte der kleine Singvogel auf zu singen. Sein Schein erlosch, und er verlor immer mehr seiner wunderschönen, regenbogenfarbigen Federn. Und der alte Mann war in Sorge. Er sprach angsterfüllt zum kleinen Singvogel: „Mein kleiner Freund, gebe ich dir nicht genug zu essen? Gebe ich dir nicht genug Aufmerksamkeit? Sag mir, was soll ich tun, damit es dir wieder besser geht?“ Zu seiner größten Überraschung antwortete der kleine Singvogel. „Weißt du, mein Lieber, erinnerst du dich noch, als wir uns das erste Mal im Wald trafen? Damals dachte ich, dass du mich vom Wald geholt hast, um mich als Gast bei dir einzuladen. Ich habe mich sehr gefreut über deine Achtsamkeit, über das gute Essen, das du mir gabst, über deine Fürsorge und die gemeinsame Zeit mit dir. Nun aber ist es Zeit für mich zu gehen. Schade, dass du mich falsch verstanden hast. Ich habe so oft darüber gesungen. Das war aber vergeblich. Du hast nicht verstanden, was ich gesungen habe. Du hast mich jetzt gefragt, was mir fehlt und was du tun könntest, damit es mir besser geht. Mein lieber Freund, wie du weißt, ich bin ein Vogel! Verrate mir, was macht einen Vogel normalerweise aus? Sag mir, was fällt dir als Erstes ein!“ „Ein Vogel fliegt“, sagte der alte Mann, ohne nachzudenken, und in demselben Augenblick wurde er kreidebleich. Er verstand, was für einen großen Fehler er gemacht hatte. Er schaute den kleinen Singvogel an und sagte: „Bitte verzeih mir! Ich war so geblendet von deiner Schönheit und von deinem zauberhaften Gesang, dass ich das Wichtigste ganz vergessen hatte. Für dich ist das Wichtigste, dass du fliegen kannst, und das kannst du nur, wenn du frei bist ... ja, frei. Frei wie ein Vogel.“ Der alte Mann öffnete schweren Herzens die Käfigtür, nahm den Singvogel vorsichtig heraus und – husch – noch bevor er sich verabschieden konnte, war der kleine Vogel schon weit über den Wolken. „Lebe wohl“, sagte der alte Mann traurig und schaute hinter dem kleinen Singvogel nach, wie er in der Luft herumwirbelte, als hätte er gerade einen Freudentanz gemacht. Er schaute dem kleinen Singvogel lange zu, bis dieser verschwunden war. Er spürte auf einmal eine große Leere in seinem Herzen, als hätte er etwas verloren, und schnappte verzweifelt nach Luft. „... Oh, jetzt ist er weg. Er wird jetzt für jemand anderen singen. Was mache ich denn ohne seinen wunderschönen Gesang?“ Das dachte er verzweifelt. In diesem Moment erblickte er wieder den kleinen Singvogel. Er schien überglücklich zu sein. Während er ihn betrachtete, spürte er plötzlich, wie sich dieser fühlte. Der kleine Singvogel war eins mit den Wolken. Vollkommen aufgelöst in seinem Element. Wahre Freude strahlte von dem kleinen Vogel weit hinaus in die Ferne. „Ich fühle, wie glücklich du bist, mein Freund. Fliege nun weiter! Lebe wohl!“, dachte der alte Mann, während er den kleinen Singvogel beobachtete, wie er überglücklich herumflog. In demselben Moment löste der Nebel seine Traurigkeit auf. Er fühlte nur Erleichterung und Zufriedenheit. Sein Blick weilte noch eine Weile in den Wolken.


Etwas später merkte er, dass der kleine Singvogel nicht mehr zu sehen war. Er schaute noch einige Minuten in die Ferne, in der Hoffnung, dass er vielleicht den kleinen Singvogel noch einmal erblicken könnte. Aber der kleine Singvogel war weg.


Nach einiger Zeit beschloss er, in sein Haus zurückzugehen. Als er sich umdrehte, sah er den kleinen Singvogel gemütlich auf seiner Fensterbank sitzen. Der kleine Singvogel beobachtete den alten Mann schon eine Weile. Dann sprach er: „Siehst du, mein Freund, jetzt hast du es verstanden. Indem du nicht mehr nur an dich selbst gedacht hast, sondern mein Glück in deinem Herzen im Vordergrund stand, hast du mich losgelassen. Damit hast du mir wieder meine Freiheit gegeben. Indem du mir die Freiheit gegönnt hast, dabei deine Traurigkeit vergaßt und dich für meine Freiheit gefreut hast, löste sich das unsichtbare Band, das mich an dich gebunden hat. Und dafür möchte ich dich belohnen. Ich bin wieder frei. Und ich kann jetzt immer wieder zu dir zurückfliegen und jederzeit hier, auf deiner Fensterbank sitzend, wieder nur für dich singen.“


Seit diesem Tag erklingt immer wieder die wunderschönste Melodie das Loslassens in dem Garten des alten Mannes. Und du, meine Liebe, die du jetzt diese Geschichte gelesen hast, wenn du nächstes Mal in einem Wald oder in einem Park spazieren gehst und ganz aufmerksam zuhörst, kannst du das Lied das Loslassens hören. Vorausgesetzt, du bist bereit, richtig zuzuhören.


Weitere, spannende Geschichten findest du im mein Buch.

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